Die Covid-19-Pandemie zeigte deutlich auf, was Beschäftigte und Experten schon seit Jahren verkündeten: Das Gesundheitswesen hat dringenden Bedarf an Innovation, Modernisierung und einem generellen Umdenken. Dadurch ist es ein besonders fruchtbarer Boden für die Effekte der Digitalisierung.

Was für Veränderungen dies konkret beinhaltet und welche neuen Technologien und Arbeitsweisen hier für Aufsehen sorgen, haben wir im Folgenden analysiert.

Die aktuelle Situation

In der Medizin waren schon immer zahlreiche Vorgehensweisen und Einstellungen üblich, die exzellent mit denen der Digitalisierung harmonieren und eine perfekte Basis für die Nutzung unterschiedlicher Potenziale bieten. Dazu zählen zum Beispiel die permanente Forschung und Weiterentwicklung, wie sie bei der Suche nach neuen Behandlungsmethoden und Medikamenten stets üblich war. Auch die datengestützte, wissenschaftliche Arbeitsweise ist seit jeher ein Grundkonzept des Gesundheitswesens – zu groß wäre die Gefahr, ohne ausreichende Tests zu agieren. Die Digitalisierung, mit ihrem Fokus auf Datenverarbeitung und konstantem Wandel, zeigt sich hier schnell als passender Partner. 

Mitte April 2020 veröffentlichte das UN Department of Economic and Social Affiars eine Meldung über die Wichtigkeit von digitalen Technologien und der veränderten Realitäten im Zusammenhang mit der Covid-Krise. Hierin wird eindrucksvoll verdeutlicht, wie groß der Innovationsbedarf und ein generelles Umdenken innerhalb der Branche vonnöten ist, um sich den neuen Aufgaben zu stellen. Regierungen, so heißt es dort, müssen politische und technische Veränderungen akzeptieren und die digitalen Möglichkeiten nutzen, um langfristiges Wachstum für ihre jeweiligen Nationen zu sichern. Die technischen Fortschritte im Gesundheitsbereich, so weiter, verändern Business Modelle und den Alltag aller Menschen und können deshalb unmöglich ignoriert werden.

Mit dem Beginn der Social Distancing und Quarantäneregelungen wurden die Vorteile unseres digitalen Lebensstils sichtbar: Dank umfangreicher Vernetzung konnten viele Menschen von zu Hause aus arbeiten und zumindest ein Minimum an sozialer Interaktion erleben. Online-Shopping, Zugang zu Unterhaltung und Information sowie Weiterbildung und Kurse über das Internet konnten die volle Wucht der Isolation mildern. Die zentrale Rolle und die jeweiligen Schwierigkeiten des Gesundheitswesens blieben davon jedoch unberührt.

Moderne Technologien wurden auch in der Krise als Heilsbringer betrachtet. Neben der medizinischen Forschung und deren Beschleunigung durch künstliche Intelligenz, die bereits seit einiger Zeit in der Diagnostik Verwendung findet, um Daten zu strukturieren und zu durchsuchen, kamen Apps zum Einsatz, um die Verbreitung des Virus zu verlangsamen. Neben Deutschland setzten auch Norwegen, Australien, China, Singapur und weitere Nationen auf die Möglichkeit, per Smartphone den Kontakt zu Covid-19-Infizierten zu erfassen. Die Umsetzung solcher und weiterer Konzepte wurde umfangreich finanziert und sowohl von Großkonzernen wie Apple oder Google, als auch von kleinen E-Health Start-ups in Angriff genommen.

Das wachsende Interesse an der digitalen Transformationen im Gesundheitswesen durch die Pandemie wird sich wohl nur noch weiter Vergrößern. Zwar lässt sich aktuell noch nicht sagen, welchen Anteil digitale Technologien tatsächlich bei der Bewältigung der Krise haben werden; dass es sich um einen positiven Einfluss handelt, ist jedoch bereits klar.

Auch, wenn der Medizinsektor nicht ausschließlich mit der Pandemie zu tun hat, spielt diese doch aktuell eine gewaltige Rolle im Leben von Milliarden von Menschen. Im Folgenden werden daher relevante Entwicklungen genannt, die sowohl aktuell als auch in einer – hoffentlich Pandemie freien Zukunft – Bedeutsam sind.

Zentrale Entwicklungen

  1. Wearables und private Daten

Der Markt für Wearables ist in den letzten Jahren gewaltig gewachsen. Neben Unterhaltungselektronik wie Smartwatches und Fitness-Trackern, können auch medizinische Sensoren mittlerweile einfach und ohne den Patienten zu behindern am Körper getragen werden. Selbst das allgegenwärtige Smartphone kann zum Schrittzähler oder Ernährungsberater umfunktioniert werden. Dies eröffnet einen Schatz an Daten, der in der Vergangenheit schlicht nicht existent war oder nur mit größtem Aufwand gewonnen werden konnte.

Während gesunde Träger diese Informationen nutzen, um ihren Lebensstil zu verbessern oder Einblicke in ihren Alltag zu gewinnen, können gesundheitlich beeinträchtigte Patienten von den kleinen und leistungsstarken Geräten noch stärker profitieren. Durch die umfangreichere Datenlage kann ihre Behandlung verbessert werden und auch als Notrufeinrichtung für gefährdete Personen sind Wearables äußerst praktisch, denn die Ortung ist in Zeiten von GPS einfach und der Kontakt per Anruf schnell hergestellt.

Wie in allen Aspekten der Digitalisierung ist es aber auch hier nicht nur das Erzeugen von Daten, dem die größte Bedeutung beigemessen werden muss. Wir sind heute in der Lage, mit einer Vielzahl von Sensoren fast überall Informationen zu gewinnen; wie diese allerdings im Nachhinein verarbeitet und genutzt werden, ist die entscheidende Frage. Während im Bereich Big Data umfassende Daten erhoben werden, um anhand vergangener Krankheitsfälle neue Erkenntnisse zu gewinnen, können auch die persönlichen Daten, die durch neue Geräte erzeugt werden, sehr hilfreich sein.

Diese helfen etwa in der Diagnostik, wo Ärzte in Sekundenschnelle Zugriff auf die Jahrelange Historie der persönlichen Gesundheitsinformationen erhalten können. Per Knopfdruck werden Puls und Co. mit dem medizinischen Fachpersonal geteilt und können bereits in die Anamnese mit einfließen. Bei Unsicherheiten werden Geräte zum Monitoring eingesetzt, die klein und leicht sind und auch eine Übertragung in Echtzeit zulassen. So können Gefahrensituationen vermieden und Notfälle auf schnellstem Wege gemeldet werden.

  1. Big Data

Diese Verarbeitung braucht entsprechende Systeme und Fachkompetenz. Wie in allen anderen Branchen steigt auch in der Medizin der Bedarf an Data Scientisten und weiteren Experten, die den umfassenden Datenschatz deuten und nutzen können. Angefangen von der Architektur der Systeme, über die strukturierte Erfassung bis hin zur Auswertung und Ableitung relevanter Erkenntnisse ist hier hohe Fachkompetenz gefragt.

Das Resultat kann sich allerdings sehen lassen und lohnt die Mühen: Durch die gezielte Datennutzung werden Behandlungsmethoden personalisiert und verbessert. Anhand dieser Informationen lassen sich nicht nur Standardvorgehensweisen ableiten; auch typische Abweichungen und Probleme können per Knopfdruck ermittelt und nach Wahrscheinlichkeit und Symptomen gerankt werden.

Insbesondere die medizinische Forschung profitiert dabei von den Vorzügen des Big Data Einsatzes. Schätzungen gehen von bis zu 90 % unstrukturierten Daten in der weltweiten Forschung aus. Speziell Pharmakonzerne kennen das Problem der Parallel- oder Doppelforschung, da Teams an verschiedenen Standorten nicht in Kontakt stehen und die Daten anderer Forschungseinrichtungen nicht in durchsuchbarer Form zur Verfügung stehen. So werden bereits durchgeführte Experimente wiederholt und oft enorme Mengen an Ressourcen verschwendet, um Erkenntnisse zu gewinnen, die so bereits vorliegen – nur eben nicht in einer nützlichen Datenbank. Auch in der medizinischen Forschung ist dieses Problem bekannt. Der Schaden dort, aufgrund der geringeren Größe verglichen mit weltweiten Pharmariesen, weniger stark ausgeprägt, aber dennoch lästig und Ressourcen-schädlich.

Die Einsicht, dass der Themenkomplex Big Data eine extrem wichtige Grundlage für weitere, moderne Technologien bildet, hat sich bereits herumgesprochen und ist in den meisten Bereichen akzeptiert. Damit kann die Basis für den Einsatz verwandter Methoden geschaffen werden, die im Rahmen der Digitalisierung zu großer Bekanntheit gelangten, namentlich: künstliche Intelligenz. Da in der Medizinbranche gigantische Datenmenge vorhanden sind, ist Big Data ein so wichtiges und lohnendes Feld.

  1. Künstliche Intelligenz

Stehen ausreichende Daten zur Verfügung, können diese genutzt werden, um mithilfe von KI neue, vormals undenkbare Einblicke zu gewinnen und Produkte zu entwickeln. Durch die hochentwickelten Algorithmen können bereits deutlich früher passende Diagnosen gestellt werden, was schon heute zum Beispiel in der Hautkrebserkennung oder der Erkennung und Klassifizierung von Pneumonie-Fällen zum Einsatz kommt. Diese automatisierte Analyse erlaubt ein wesentlich früheres Feststellen entsprechender Krankheiten und, damit einhergehend, eine höhere Genesungsrate.

Andere Beispiele für den Einsatz von Artificial Intelligence finden sich in der Bekämpfung von Suchtkrankheiten und anderen psychischen Problemen durch ausgefeilte Erkennungsmuster. Dabei werden Patientenakten, Notizen des Fachpersonals sowie typische Verhaltensmuster analysiert und Risikofaktoren erkannt. Das System kann so bereits sehr früh Warnzeichen aufzeigen und nachweislich bei der Vermeidung helfen.

Als “passiver Partner” werden derartige Computer in Zukunft zum Standard in der modernen Diagnostik, wo sie Ärzte und medizinisches Personal mit Hinweisen unterstützen oder für gezielte Informationsanfragen zur Verfügung stehen. Dabei können diese Anwendungen in Sekundenschnelle weltweite Krankheits- und Forschungsdaten abfragen und in geeigneter Weise zur Verfügung stellen. Neben dem unterstützenden Aspekt in der Diagnostik und Behandlung bietet sich auch eine Erweiterung bisheriger Möglichkeiten, da manche Krankheiten nur auf diese Weise überhaupt zu entdecken sind.

Das Potenzial für künstliche Intelligenz scheint nahezu unendlich. Das gilt etwa für den Bereich Prävention und Training, wo intelligente Fitness-Tracker die Schlafqualität messen, um anschließend personalisierte Sportprogramme empfehlen, die Effekte maximieren und Verletzungen vermeiden. In der Diagnostik erlaubt KI das frühere Erkennen von Krankheiten sowie das Entdecken von Problemen, die bisher nur mit aufwendigen Tests – und dann in der Regel zu spät – aufgezeigt werden konnten. In der anschließenden Behandlung wir Artificial Intelligence eingesetzt, um die ideale Vorgehensweise zu ermitteln und ihre Wirksamkeit zu prüfen und gegebenenfalls Anpassungen zu empfehlen.

  1. Vernetzung

Unter diesem Sammelbegriff können die vielen neuen Möglichkeiten zur Kommunikation verstanden werden, die im Rahmen der Digitalisierung Teil unseres Lebens geworden sind. Neben der Verbindung durch Smartphones und anderen Endgeräten ist dies insbesondere der veränderte Informationsfluss, der durch das Internet zur Normalität wurde. Diese Effekte zeigten sich vor allem in der Covid-Krise in Form von Tracking-Apps, täglichen Updates und Warnungen oder schlicht der Möglichkeit, mit Freunden und Verwandten in Kontakt zu bleiben.

Die digitale Seelsorge erlebte mit Beginn der Pandemie einen ungeahnten Boom mit zahlreichen Anbietern, über deren Plattform der Kontakt zu ausgebildeten Therapeuten hergestellt werden kann. Zwar werden die Themenfelder “geistige Gesundheit” und “Suchtprävention” in Deutschland nach wie vor in geradezu absurder Weise ignoriert bzw. ihre  Bekämpfung aktiv verhindert (staatlich limitierte Anzahl an Therapeuten/gedeckelte Zulassungszahl für relevante Studiengänge bei gleichzeitig explodierender Anzahl von seelischen Erkrankungen und eine der höchsten Raten an Alkoholismus und Drogenmissbrauch in der westlichen Welt) ; in anderen Nationen ist es mit dem Einsatz von Apps und Co. jedoch in den letzten Monaten gelungen, eine bessere Versorgung herzustellen.

Auch unabhängig von der Covid-19-Pandemie wird diese Vernetzung weiter voranschreiten und einen neuen Umgang mit der Kommunikation innerhalb des medizinischen Sektors bedingen. Es scheint heute mehr als wahrscheinlich, dass Patienten künftig per Messenger oder Videokonferenz mit ihrem Arzt in Verbindung treten und nur bei Bedarf und nach Absprache persönlich in einer Klinik, Praxis oder Krankenhaus erscheinen. Auch der Zugriff auf relevante Daten der eigenen Patientenakte kann so gewährt oder entzogen werden. Insbesondere die zu erwartende Auslagerung dieser Informationen in eine Blockchain-basierte Datenbank dürfte künftig zu einer schnellen Adaption führen.

Die Transformation in der Praxis

Die Digitalisierung läuft in der Medizin wie auch in anderen Bereichen ab und auch die Probleme und Hindernisse sind nahezu identisch. Vielfach werden Teilprozesse der digitalen Transformation, wie die Verwendung elektronischer statt auf Papier gedruckter Formulare oder die Anschaffung moderner Endgeräte, bereits als großer Wurf oder gar abgeschossene Digitalisierung verkauft – tatsächlich handelt es sich jedoch nur um kleine Projekte von überschaubarer Bedeutung. Der tatsächliche Wandel, der zum Dauerzustand und zur Unternehmensphilosophie werden muss, benötigt eine veränderte Einstellung, neue Art der Führung und letztlich einen langen Atem – denn Kulturwandel geschieht nicht über Nacht.

Da es leider keine verlässlichen Best Practices für das Umdenken und digitale Ausrichten eines Unternehmens und seiner Mitarbeiter gibt, befassen wir uns stattdessen mit den technologischen Aspekten. Denn für diese lassen sich einige getestete Erkenntnisse heranziehen. So kann mit absoluter Sicherheit gesagt werden, dass die Digitalisierung – unter anderem – auf der Erfassung, Auswertung und Nutzung von Daten basiert. Über das Gesundheitswesen, als relativ weit gefasstes und sehr verschiedenes Feld, kann keine allgemeine Aussage zum Zustand der verfügbaren Daten gegeben werden.

Während nämlich in der Forschung ein starker Datenfokus und erheblicher Einsatz von modernen Technologien offensichtlich ist, wird in anderen Bereichen, wie etwa Pflegeeinrichtungen, Rettungsdiensten oder Krankenhäusern, oft noch analog gearbeitet. Dass in diesen Fällen eine digitale Erfassung der relevanten Vorgänge als erster Schritt ansteht, ist daher nicht überraschend. Ist, unabhängig vom genauen Bereich, eine datenseitige “Grunderfassung” gegeben, lassen sich oft direkt erste, nützliche Erkenntnisse ableiten.

Dies können etwa das Auffinden von Schwachstellen in Arbeitsprozessen sein, die Zeit und Geld kosten und sich oft leicht beheben lassen. Auch andere Optimierungspotenziale lassen sich entdecken, wenn ein Blick auf die Unternehmensdaten plötzlich möglich ist. Leider ist hierfür ein entsprechendes Knowhow erforderlich, welches in den meisten Einrichtungen nicht problemlos verfügbar ist. Data Scientisten sind rar gesät und am Arbeitsmarkt derart heiß begehrt, dass ihre Durchschnittsgehälter entsprechend hoch ausfallen. Der Mangel an notwendigen Fachkräften ist und bleibt eines der größten Hindernisse für die Digitalisierung in jeder Branche – nicht nur im Bereich Data Science.

Mit der digitalen Abbildung und Umsetzung aller Geschäftsprozesse (oder zumindest der wesentlichen) ist bereits ein großer Schritt in Richtung Transformation getan, denn hierauf bauen ein Großteil der interessanten und wirkungsvollen Technologien auf – darunter künstliche Intelligenz, Internet of Things oder Blockchain-Konzepte. Auch aus kultureller Sicht ist diese “Grundversorgung” wichtig. Die Abwicklung alltäglicher Geschäftsprozesse in digitaler Form, statt zum Beispiel auf Papier, schafft Akzeptanz in der Belegschaft für künftige Projekte und kann ein bedeutender Baustein für den Kulturwandel sein.

Das umfassende Investment in Technologie, IT-Personal usw. kann für viele medizinische Einrichtungen ungewohnt und kontraintuitiv erscheinen; die daraus resultierenden Effekte sind jedoch für dauerhafte Versorgungsqualität unerlässlich.

Fazit

Das Gesundheitswesen ist durch die anhaltende Pandemie in einer schwierigen Situation. Geringe Innovation und – zumindest in einigen Teilbereichen – mangelnde Digitalisierung haben die allgemeine Transformation bisher auf ein Minimum beschränkt. Dies ist einerseits tragisch, bietet aber wiederum erhebliche Potenziale für ein schnelles Aufholen.

Es ist daher nicht verwunderlich, dass der Medizinsektor sich in einer Umbruchphase befindet. Die Zukunft scheint für Unternehmen, die in den technologischen und kulturellen Wandel investieren, äußerst vielversprechend auszusehen. Inwieweit mit den bisherigen Vorgehensweisen weiterhin gewirtschaftet werden kann ist allerdings mehr als fraglich.